carta Wagner Semper 13 Dez. 1864
327. AN GOTTFRIED SEMPER IN ZÜRICH
MÜNCHEN, DIENSTAG, 13. Dezember 1864
München. 21 Briennerstrasse. 13 Dez. 1864
Lieber Semper!
Der König von Bayern wünscht, dass Du in seinem Auftrage in
München ein grosses Theater, im edelsten Style, zu dem beson-
dren Zwecke, den ich Dir sofort andeuten will, bauen sollst.
Mein junger Beschützer hegt tief den Glauben an die Wahrhaf-
tigkeit meines Ideales in Betreff eines dramatischen Kunstwerkes,
welches sich vom modernen Schauspiele, wie von der Oper we-
sentlich und wichtig unterscheidet. Um verständliche Aufführun-
gen in diesem Style zu erzielen, will er mit mir vollständig von
dem Versuche, dieselben in unser gewöhnliches Theaterrepertoir
einzureihen, absehen, und beabsichtigt, das Ausnahmsweise sol-
cher Aufführungen schon damit genau zu bezeichnen, dass sie
nicht in dem täglich besuchten Operntheater, sondern in einem
eigens für sie errichteten, nur zu diesem Zwecke bestimmten, be-
sondren Theater, in Zukunft statt finden sollen.
Zunächst ist dem Könige die Anregung hierzu aus meinem
Vorwort zu meinem dramatischen Gedichte „Der Ring des Nibe-
lungen" entstanden. Nachdem er mich beauftragt, dieses Werk zur
Aufführung im Sommer des Jahres 1867 zu vollenden, glaubte er
sich auch verbunden, für die Herstellung des von mir gewünsch-
ten Theaters zu sorgen. Neuerdings ist er für diese Idee so enthu-
siastisch eingenommen worden, dass er mir vorschlug, nicht erst
ein provisorisches Theater in Holz, sondern sofort das würdig in
Stein und edlem Material auszuführende in Auftrag zu geben. Ich habe ihm hiergegen eingewendet, dass ich nicht die Verantwortung für das Gelingen eines solchen Baues, namentlich in Betreff der problematischen inneren Einrichtung, übernehmen könnte; dass ich eine solche Aufgabe nur einem wirklichen Bau-Genie mit Ruhe zugetheilt wissen würde, und als solches einzig Dich, lieber Semper, bezeichnen könnte. Diess genügte, um den König sofort zu dem Auftrag an mich zu bestimmen, Dich zu befragen, ob Du es übernehmen wolltest, ein solches Theater zu bauen. - Hiermit ist mein Auftrag zu Ende. Ich füge, für den Fall, dass Du dem Wunsche des Königs von Bayern willfahren willst, die Bemerkung bei, dass es mir vorsichtiger, und ausserdem zweckmässiger erscheint, für das Erste, aber sofort, die Construction eines provisorischen Theaters in Holz u. etwa Backstein in Angriff zu nehmen.
[dass ich eine solche Aufgabe nur einem wirklichen Bau-Genie mit Ruhe zugetheilt wissen würde, und als solches einzig Dich, lieber Semper, bezeichnen könnte. Diess genügte, um den König sofort zu dem Auftrag an mich zu bestimmen, Dich zu befragen, ob Du es übernehmen wolltest, ein solches Theater zu bauen. – Hiermit ist mein Auftrag zu Ende. Ich füge, für den Fall, dass Du dem Wunsche des Königs von Bayern willfahren willst, die Bemerkung bei, dass es mir vorsichtiger, und ausserdem zweckmässiger erscheint, für das Erste, aber sofort, die Construction eines provisorischen Theaters in Holz u. etwa Backstein in Angriff zu nehmen]
Vor Allem wäre mir es lieb, ein solches Theater schon
sehr bald zum Gebrauch zu erhalten, um in ihm einige prinzipiell
besondre Aufführungen meiner bisherigen dramatischen Arbeiten
vornehmen zu können. Dann müsste es doch auch selbst Dir viel-
leicht wünschenswerth sein, gewisse Probleme zuerst versuchswei-
se zu lösen; endlich gewännest Du Zeit für die Ausführung des de-
finitiven, in edelstem Material auszuführenden Gebäudes, welches
dann, dem Sinne seines Gründers gemäss, als ein bedeutungs- und
lebensvolles Monument der deutschen Nation hinterlassen wer-
den soll. -
Nach diesen Mittheilungen habe ich gewiss nicht nöthig, Dich
auf die Schönheit und unvergleichliche Ernsthaftigkeit des Ver-
hältnisses und der Person hinzuweisen, zu welchen Du jetzt he-
rangezogen werden sollst. Nur erlaube mir, auf Etwas zu deuten,
was Dir kürzlich befremdlich erschienen sein mag: Dass die Wei-
gerung des jungen Königs, Dir, wie mir, den vom Kapitel vor-
geschlagenen Maximiliansorden zu verleihen, nicht auf Gering-
schätzung Deiner Person bezogen werden kann, ist Dir wohl
schon daraus klar geworden, dass die Weigerung auch mich, sei-
nen ausgesprochenen Freund betraf. Die Erklärung dieses sonder-
baren Vorganges muss ich mir für eine spätere Zeit vorbehalten:
für jetzt lass Dir versichert sein, dass Nichts der Innigkeit, Tiefe,
Energie und Idealität gleichen kann, mit welcher dieser junge, wun-
derbar begabte König sich dem Edelsten u. Erhabensten weiht! -
Lass' mich bald hören, und sei auf das Herzlichste gegrüsst von
Deinem
treuergebenen
Richard Wagner.
Caro Semper!
O Rei da Baviera deseja que você construa, em seu nome, um grande teatro em Munique, no estilo mais requintado, para o propósito especial que explicarei a seguir.
Meu jovem protetor acredita profundamente na veracidade do meu ideal a respeito de uma obra de arte dramática, que difere significativamente e de forma importante do teatro e da ópera modernos. Para que as apresentações nesse estilo sejam compreensíveis, ele deseja evitar completamente a tentativa de integrá-las ao nosso repertório teatral habitual e pretende definir claramente a natureza excepcional de tais apresentações, estipulando que elas não devem ocorrer na casa de ópera, que é frequentada diariamente, mas sim em um teatro especial construído especificamente para elas, dedicado exclusivamente a esse propósito.
Inicialmente, a inspiração do rei para isso veio do meu
prefácio ao meu poema dramático "O Anel dos Pulmões do Nibel".
Após me encomendar a conclusão desta obra para apresentação no verão de 1867, ele também se sentiu na obrigação de garantir a construção do teatro que eu desejava. Recentemente, ele se entusiasmou tanto com essa ideia que sugeriu que eu encomendasse não apenas um teatro de madeira temporário, mas imediatamente um que fosse construído adequadamente em pedra e outros materiais nobres. Objetei-me a isso, afirmando que não poderia assumir a responsabilidade pelo sucesso de tal construção, particularmente no que diz respeito ao problemático projeto de interiores; que sentia que tal tarefa só poderia ser confiada a um verdadeiro gênio da arquitetura, e que eu só poderia indicar você, caro Semper, como tal. Isso foi o suficiente para levar o Rei a me incumbir imediatamente de perguntar se você estaria disposto a empreender a construção de tal teatro. - Com isso, minha incumbência está concluída. Acrescento, caso deseje atender ao pedido do Rei da Baviera, a observação de que me parece mais prudente e também mais prático começar, por ora, a construção de um teatro provisório em madeira e talvez tijolo. Acima de tudo, gostaria de ter tal teatro pronto para uso muito em breve, para que eu possa encenar algumas apresentações fundamentalmente especiais de minhas obras dramáticas anteriores. Então, talvez seja até desejável que vocês resolvam certos problemas provisoriamente primeiro; finalmente, ganhariam tempo para a execução da construção definitiva, a ser erguida com os melhores materiais, que, de acordo com os desejos de seu fundador, deverá ser deixada como um monumento significativo e vibrante para a nação alemã. Após estas comunicações, certamente não preciso ressaltar a beleza e a incomparável seriedade da relação e da pessoa a quem agora vocês serão chamados. Permitam-me apenas apontar algo que pode ter lhes parecido estranho recentemente: que a recusa do jovem rei em lhes conceder, assim como a mim, a Ordem Maximiliana proposta pelo capítulo, não pode ser atribuída à falta de respeito pessoal por vocês, certamente ficou claro para vocês pelo fato de que a recusa também se aplicou a mim, seu amigo declarado. Devo reservar a explicação deste ocorrido peculiar para um momento posterior: por ora, permitam-me assegurar-lhes que nada se compara ao fervor, à profundidade, à energia e ao idealismo com que este jovem rei, maravilhosamente talentoso, se dedica às coisas mais nobres e sublimes! Aguardo seu contato em breve e, com os mais calorosos cumprimentos do seu devotado Richard Wagner.
ünchen, 13. Dezember 1864.
Briennerstraße 21.
Lieber Semper!
Der König von Bayern wünſcht, daß Du in
ſeinem Auftrage in München ein großes Theater im
edelsten Stile, zu dem besonderen Zwecke, den ich sofort
andeuten will, bauen sollst.
Mein junger Beſchüßer hegt tief den Glauben an
die Wahrhaftigkeit meines Ideales in Betreff eines
dramatischen Kunstwerkes, welches sich vom modernen
Schauspiele wie von der Oper wesentlich und wichtig
unterscheidet. Um verständliche Aufführungen in diesem
Stile zu erzielen, will er mit mir vollständig von dem
Versuche, dieselben in unser gewöhnliches Theaterrepertoir
einzureihen, abſehen und beabsichtigt, das Ausnahmsweise
solcher Aufführungen schon damit genau zu bezeichnen,
daß sie nicht in dem täglich besuchten Operntheater,
sondern in einem eigens für sie errichteten, nur zu dieſem
Zwecke bestimmten besonderen Theater in Zukunft ſtatt-
finden sollen.
.
Zunächst ist dem König die Anregung hierzu aus
meinem Vorwort zu dem dramatischen Gedichte „der
Ring der Nibelungen" entstanden. Nachdem er mich
Manfred Semper, Das Münchener Festspielhaus.
eauftragt, dieses Werk zur Aufführung im Sommer des
Jahres 1867 zu vollenden, glaubte er sich auch verbunden,
für die Herstellung des ron mir gewünschten Theaters
zu sorgen. Neuerdings iſt er für dieſe Idee so enthuſiaſtiſch
eingenommen worden, daß er mir vorschlug, nicht erst
ein provisorisches Theater in Holz, sondern sofort das
würdig in Stein und edlem Material auszuführende in
Auftrag zu geben.
Ich habe ihm hiergegen eingewendet, daß ich nicht
die Verantwortung für das Gelingen eines solchen Baues,
namentlich in Betreff der problematischen inneren Ein-
richtung übernehmen könnte, daß ich eine solche Aufgabe
nur einem wirklichen Baugenie mit Ruhe zugetheilt wissen
würde und als solches einzig Dich, lieber Semper, be-
zeichnen könnte. Dies genügte, um den König sofort zu
dem Auftrag an mich zu beſtimmen, Dich zu fragen, ob
Du es übernehmen wolltest, ein solches Theater zu bauen.
Hiermit ist mein Auftrag zu Ende. Ich füge
für den Fall, daß Du dem Wunsch des Königs von
Bayern willfahren willst, die Bemerkung bei, daß es mir
vorsichtiger und außerdem zweckmäßiger erscheint für das
erste, aber sofort die Konstruktion eines provisoriſchen
Theaters in Holz und etwa Backstein in Ungriff zu
nehmen. Vor allem wäre mir es lieb, ein solches
Theater scdes definitiven in edelstem Material auszuführenden
Gebäudes, welches dann, dem Sinne seines Gründers
gemäß als ein bedeutungs- und lebensvolles Monument
der deutschen Nation hinterlassen werden soll.
Nach diesen Mittheilungen habe ich gewiß nicht
nöthig, Dich auf die Schönheit und unvergleichliche Ernſt-
haftigkeit des Verhältnisses und der Person hinzuweisen,
zu welchen Du jest herangezogen werden sollst. Nur
erlaube mir auf etwas zu deuten, was Dir kürzlich be-
fremdlich erschienen sein mag. Daß die Weigerung des
jungen Königs Dir wie mir den vom Kapitel vor-
geschlagenen Maximilians-Orden zu verleihen, nicht auf
Geringschätzung Deiner Person bezogen werden kann, ist
Dir wohl schon daraus klar geworden, daß die Weigerung
auch mich, seinen ausgesprochenen Freund, betraf. Die
Erklärung dieses sonderbaren Vorganges muß ich mir
für eine spätere Zeit vorbehalten. Für jezt laſſe Dir
versichert sein, daß nichts der Innigkeit, Ciefe, Energie
und Idealität gleichen kann, mit welcher dieſer junge
wunderbar begabte König sich dem Edelsten und
Erhabensten weiht.
Laß mich bald hören und ſei auf das herzlichſte
gegrüßt von Deinem treu ergebenen
R. W."
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