haslick 1865
EDUARD HANSLICK
Sämtliche Schriften Historisch-kritische Ausgabe
Band I,7 Aufsätze und Rezensionen 1864-1865
herausgegeben und kommentiert von
Dietmar Strauß
Unter Mitarbeit von Bonnie Lomnäs
462-467
Neue Freie Presse, 3. 12. 1865
„Des Sängers Fluch“ Oper in 3 Acten von August Langert. (Erste Aufführung im k. k. Hofoperntheater am 1. December d. J.)
Neue Freie Presse, 3 de dezembro de 1865
"A Maldição do Cantor", uma ópera em três atos de August Langert. (Estreia no Imperial Court Opera Theatre em 1º de dezembro deste ano.)
Seine Musik, um sie mit Einem Worte zu charakterisiren, repräsentirt sich als verwässerte Copie Richard Wagner’s. 464
Des Sängers Fluch“ ist die directeste Nachbildung des Wagner’schen Styles, welche unseres Wissens die deutsche Oper bisher aufzuweisen hat. 465.
Da haben wir zunächst den declamatorischen Styl, welcher, zwischen Recitativ und Arioso unbestimmt zerfließend, über einer fortwährend malenden und mitsingenden Orchester-Begleitung die ganze Oper beherrscht. In kleinen Gaben, wie sie Meyerbeer mit wählerischer und sparsamer Hand zu bringen wußte, ist diese Vermischung oder Verbindung mitunter von großem Reize, als Methode auf eine ganze Oper angewendet, wird sie zur gleichzeitig aufreizenden und einschläfernden Ohrenpein.
Die Geschichte der Musik rühmt doch einhellig Alessandro Scarlatti ob des großen Verdienstes, das Recitativ von der Arienform definitiv geschieden zu haben. Sie erblickt doch in dieser naturgemäßen Trennung den entscheidenden Fortschritt über die Opern eines Cesti oder gar eines Caccini und Monteverde. Und nun kommt die neudeutsche oder Wagner’sche Schule daher und preist es als eine neue, segensreiche Erfindung, als den höchsten Fortschritt, wieder zu jener formlosen Vermischung zurückzukehren, und proclamirt das Kindheitslallen der dramatischen Musik als deren höchste Sprachentwicklung! Wenn sich bei Langert eine Melodie, oder sagen wir lieber ein Thema, vier oder acht Tacte lang in übersichtlicher Architektonik aufgebaut hat, kann man sicher sein, es werde, statt gleichmäßig fortzusetzen und abzuschließen, alsbald in ein recitativisches Faseln übergehen und formlos zerbröckeln. Umgekehrt verfällt wieder nach wenig Tacten in eine schmelzende Cantilene, was kaum als Recitativ sich klar und scharf zu exponiren begann. So haben wir weder das Eine noch das Andere, sondern schaukeln haltlos und seekrank in den lauen Fluthen der „unendlichen Melodie“. Dieser Schwindel imponirt aber kaum mehr einem einsichtsvollen Musiker, denn dieser weiß zu gut, daß, wo drei volle Stunden lang Alles Melodie sein will, nichts mehr Melodie ist. 465.
In der Instrumentirung bewährt Langert, wie bereits erwähnt, eine sehr geschickte Hand. Wir haben auch hier nur das sklavische Copiren und Ueberbieten Wagner’s zu bedauern. Wagner, der der modernen Oper vorwirft, sie mache die Mittel zum Zweck und umgekehrt, verfällt selbst gerade diesem Irrthum in seiner sonst so glänzenden Weise, zu instrumentiren. Einmal deckt die Wucht des rastlos arbeitenden Orchesters unbarmherzig den Gesang, sodann wird dem Reiz der einzelnen Klangeffecte im Orchester eine falsche Selbstständigkeit und Herrschaft eingeräumt, welche die Aufmerksamkeit fortwährend vom Zweck auf das Mittel, von der Hauptsache auf Nebendinge ablenkt. Bei Langert hören wir alle 8 bis 10 Tacte eine andere Instrumentirung, eine künstliche Farbenmischung, ein frappanter Klangeffect jagt den andern, keine Stimmung kann sich in dem zerstreuten und geblendeten Hörer ruhig festsetzen. 466
Der Erfolg der neuen Oper konnte nach den beiden ersten Acten noch ein Succes d’estime heißen, im dritten schien das Publicum von Langweile fast niedergedrückt, und sah dem Ende mit Ungeduld entgegen. Man muß dem Publicum beistimmen, das die Novität fallen ließ. Und dennoch, wie viel guter Wille und anerkennenswerthe Bildung, wie viel Fleiß und Arbeit stecken in dieser Partitur! Für das Talent des Componisten haben wir freilich keinen anderen Maßstab, als gerade dieses Werk; trotzdem macht Manches daraus uns glauben, daß er, jung wie er ist, viel Besseres leisten kann und hoffentlich leisten wird. Wenn Langert sein nicht großartiges, aber anmuthiges, empfindungsreiches, von Haus aus edles Talent aus dem verderblichen Venusberg des Wagner’schen Systems noch erretten kann, dann werden wir vielleicht noch grünen und blühen sehen, was uns jetzt in seiner Musik als dürrer Stab erscheint. Möge der Componist uns künftig lieber im eigenen, bescheidenen Hause bewirthen, als in fremdem Palast; wir glauben, er werde sich als ganzer Langert noch immer vortheilhafter ausnehmen, denn als halber Wagner. 467
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